Dieser Artikel von Martin Grahl erschien zuerst in der Ausgabe 06/2021 des Mitgliedermagazins vidom des Vereins Leica HISTORICA e.V.

NOVOFLEX und Leica - Produkte aus dem Allgäu für die Kameras von der Lahn - Spiegelkasten 

1948 - knapp 3 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs, begann der Foto- und Radiohändler Karl Müller jr. in einem "Hinterzimmer" seines im Unterallgäu bekannten Fotofachgeschäftes auf der Kalchstraße 15 in Memmingen mit dem Bau eines kleinen Spiegel-Vorsatzgerätes zur Leica. In den darauffolgenden Jahren wurde die Herstellung auch auf den Bau von Zubehör für Kameras anderer Hersteller ausgeweitet. Die späteren Unternehmen Fotogerätebau Karl Müller jr. sowie NOVOFLEX Präzisionstechnik GmbH taten und tun dies bis heute. In diesem Artikel möchte ich mich jedoch rein auf die Spiegelkästen für Leicakameras beschränken. Olaf Nattenberg hat das Thema Spiegelkasten, in VIDOM 104, in seinem Artikel "Von EXLEI über LEIEX zu NOPRI und NOBAL" bereits angeschnitten - ich werde es hier ausführlicher betrachten.

Wer mehr über die Geschichte der Fa. Müller erfahren möchte, dem sei der Artikel “Argenta, Novoflex und Perka” von Hartmut Thiele in Photo Antiquaria 137/Dezember 2018 empfohlen. 

SPIEGELKASTEN - SPIEGELREFLEXGERÄT - SPIEGEL-VORSATZGERÄT - VISOFLEX-ANSATZ - SPIEGELREFLEXEINRICHTUNG 

So oder so ähnlich bezeichnete wohl jeder Hersteller einer Messsucherkamera entsprechende Vorsatzgeräte, um die prinzipbedingten Nachteile einer solchen Kamera im Nah- und Fernbereich aufheben zu können. Leitz stellte seit Mitte der 30er Jahre den PLOOT her, Zeiss Ikon das Flektoskop1 und selbst Nikon begann 19512 mit der Herstellung eines eigenen Spiegelkasten zu seinen Messsucherkameras der S-Serie. Es sollte daher nicht verwundern, dass Karl Müller jr. mit dem Bau genau eines solchen Spiegelkasten begann, als er 1948 die Angebotspalette seines Foto- und Radiogeschäftes erweiterte. Ein großer Nachteil aller zur damaligen Zeit verfügbaren Spiegelkästen, waren die Auslösung sowie die Synchronisierung des Spiegelschlags mit dem Verschluß in der Kamera. Ausnahmslos alle Vorsatzgeräte wurden mit einem unhandlich zu bedienenden Doppeldrahtauslöser geliefert. Der erste Ansatzpunkt zur Verfeinerung war gefunden. 

Am 2. Oktober 1948 wird die "Auslösevorrichtung für Spiegelreflex-Vorsatzgeräte fotografischer Kameras” 3 zum Patent angemeldet. Das Produkt selbst erhält den sehr kurzlebigen Produktnamen ‘Reproflex’. Im Gegensatz zu den Spiegelkästen der Mitbewerber ist beim >Reproflex<, und den späteren Novoflex-Spiegelkästen, kein “kombinierte[r] oder gekuppelte[r] Drahtauslöser [mehr] in Anwendung”, sondern die Auslösung geschieht über eine Aluminium-Auslösebrücke, welche über den Auslöser der Kamera gesetzt wird und auf einen am Spiegelkasten angebrachten, federnd gelagerten Hebel bzw. Pin drückt. Dies funktioniert sowohl in der Hoch- als auch Querformatstellung. Ein absolutes Novum zu dieser Zeit, welches auch von Zeitgenossen wie Leif Geiges “...besonders glücklich ist die Konstruktion des Auslöseknopfes, durch den auf einen Doppeldrahtauslöser verzichtet wird...” und Dr. Otto Croy “...durch diese ... unkomplizierte Hebel-Auslösung wird die Kamera durch das vorgesetzte Spiegelgehäuse zur Spiegelreflex-’Handkamera’...” anerkannt wurde.4 

Für Leicakameras lieferte NOVOFLEX im Laufe der Zeit 3 (4) verschiedene solcher Auslösebrücken: 
1. SYNAL für Leicas bis zur IIIf, 2. SYNAL-G für die IIIg und 3. NOSYN für M-Leicas bis zur M4, 4. Auslösebrücke für Ur-Version des Reproflex mit “Hebel statt Pin”.

Alle Auslösebrücken gestatten ein genaues Einstellen des Zeitunterschiedes zwischen Spiegel- und Verschlußauslösung. Falls notwendig, lässt sich natürlich auch noch ein Drahtauslöser mit Leicaglocke an der Auslösebrücke verwenden. Am 29. November 1948 reicht Karl Müller jr. über den Münchner Patentanwalt Dr. Ing. E. Hoffmann eine weitere Gebrauchsmusteranmeldung mit dem Titel "Spiegelreflex-Vorsatzgerät für fotografische Kameras" ein.5 Der Konstrukteur Josef Waggin konnte dabei mit einer interessanten Idee aufwarten. Die Neuerung der vorliegenden Anmeldung stellt die rastende Drehmöglichkeit des Spiegelkastens von Hoch- auf Querformat mit Hilfe eines in der Seitenwand gelagerten Druckknopfes dar. Beim Leitz PLOOT war hier noch ein kantiger Schubriegel zu betätigen, welcher ”schwer zu finden und unbequem zu betätigen [ist] sind, insbesondere wenn Eile geboten ist”. Erstaunlicherweise, verschwindet dieser Druckknopf schon in der Serienfertigung wieder und die Spiegelkästen lassen sich nun, nach einmaliger Justage an der Kamera, durch einen Linksschwenk von Hoch- auf Querformat umsetzen.

In einer früheren Version des Textes, hatte ich vermutet, dass eben dieses Gebrauchsmuster Leitz davon abgehalten hat, frühe Visoflex I-Kästen ohne diesen Druckknopf auszustatten. Diese Annahme basierte auf einer Anmerkung, welche ich in der Leitz Preisliste vom März 1957 fand. Dort ist in einer Fußnote auf Seite 6 zu lesen: “VISOFLEX-Ansätze alter Ausführung unter Nr. 5412 können mit Drehung versehen werden ... Umbaupreis 42.-- DM”. Nach einem Telefonat und E-Mailverkehr mit Lars Netopil, stellt sich die Situation jedoch etwas anders dar. Leitz hat wohl ab einem bestimmten Zeitpunkt begonnen, alle vor dem Visoflex II gebauten Spiegelkästen generell als ‘VISOFLEX-Ansatz’ zu bezeichnen. Bis etwa Seriennummer 7500 wurde die PLOOT-Variante der Spiegelkästen gebaut. Vom PLOOT gab es offensichtlich Gehäusevarianten ohne schwenkbaren Kameraanschluß. In den Listen werden diese Gehäuse unter dem Telegrammwort PICOO geführt. Der obige Hinweis bezieht sich daher offenbar auf diese Sonderausführungen des PLOOT. Leider war es mir nicht möglich, eine Abbildung des PICOO aufzutreiben.

links oben - die unterschiedlichen Auslösebrücken v.l.n.r. Leica M3, Leica IIIg, alle früheren Schraubleicas, Contax IIa und IIIa 
links unten - ein silberner und schwarzer Reproflex an der Kamera 
rechts - NOVOFLEX-Spiegelkästen Rückseite - links Reproflex noch mit Hebelchen, rechts die Pinauslösung aller späteren NOVOFLEX-Kästen

Für den Sammler sind folgende Infos interessant: Der Reproflex-Spiegelkasten war lieferbar in silbermatt eloxiert und schwarz lackiert. Unter der Bezeichnung Reproflex scheint es allerdings nur sehr wenige Modelle (genaue Stückzahl leider nicht bekannt) gegeben zu haben. Interessant sind auch die Unterschiede in der Spiegelauslösung, (siehe Abbildung). Während das silberne Gerät noch kleine Hebel aufweist, besitzt das schwarz lackierte Modell bereits die späteren Pins. Beide Modelle benötigen daher auch unterschiedliche Auslösebrücken. Das erste mir vorliegende, undatierte Preisblatt (vermutlich 1949) führt das Gerät bereits als ‘NOVOFLEX’-Gerät. Das daher voraussichtlich bereits ab 1949 lieferbare ‘NOVOFLEX’-Gerät wurde alsbald (ca. 1951) vom überarbeiteten Modell II abgelöst. (siehe weiter unten!) Das Prisma sowie der Senkrechteinblick der späteren Version II lassen sich nicht an der ersten Ausführung verwenden. Ein weiterer Unterschied zum PLOOT und Visoflex I sind die beim Reproflex/Novoflexkasten fehlenden Ösen für einen Tragegurt sowie der Spiegel, welcher nach der Aufnahme per seitlich angebrachten Schieber händisch heruntergeklappt werden muss. 

Am 7. Februar 1951 meldet Karl Müller jr. den Namen "NOVOFLEX" nun auch (Neu (lat. Nova oder Novo, Plural von Novum) für die Spiegelreflexkamera-Technik) beim Deutschen Patentamt in München als Warenzeichen an und dieses wird am 2. Dezember 1952 eingetragen. Die Übernahme in den Firmennamen geschieht dann mit Eintragung ins Handelsregister am 10. November 1953.6 Das Unternehmen firmiert ab dann unter dem Namen: NOVOFLEX Fotogerätebau Karl Müller.

In der Zwischenzeit erweitert ein weiteres Gebrauchsmuster vom 31. März 19517 die Schutzansprüche des Spiegelkastens dergestalt, als “das der die Prismenlupe enthaltene Aufsatzkopf auf dem Lupenstutzen des Suchers drehbar angeordnet ist. Dadurch ist es möglich, die Prismenlupe aus der Arbeitsstellung in eine um 180° versetzte zweite Stellung zu bringen, die nicht nur das Schwenken der Kamera am Sucher erleichtert sondern auch eine raumsparende Unterbringung ... gewährleistet”. Mit anderen Worten, das ab 1951 lieferbare 45°-Prisma musste für den Transport im Koffer nicht abgenommen werden und gestattete außerdem auch unbemerkte Schnappschüsse wenn der Prismenkopf um 90° zur Seite geschwenkt8 wurde. Dieses Prisma wird etwa 20 Jahre später in vergrößerter Form von NOVOFLEX auch im für Hasselblad konstruierten Prisma zur Hasselblad 500 C/M verbaut. Das überarbeitete Spiegelkasten-Modell NOVOFLEX II und das mit ihm lieferbare Zubehör können sich durchaus sehen lassen. Nicht nur, das ab sofort auch der angesprochene, 4-fach vergrößernde und für Fehlsichtigkeit bis +3 Dioptrien verstellbare, 45°-Prismensucher verfügbar ist, Novoflex liefert nun auch ein Balgengerät (dieses wird kurze Zeit später auch für die Verwendung am Visoflex I modifiziert und ist wesentlich kompakter als die Variante aus Wetzlar), einen Einstellschlitten, Filter, Vorsatzlinsen, Zwischenringe, Mikroskopadapter, Adapter für Leitz-Objektivköpfe und 2 Ledertaschen zur Aufbewahrung und zum Transport des Spiegelkasten samt Zubehör.

links oben - der Maler, Grafiker und Photograph Herrmann Fischer-Wahrenholz mit einer Leica am NOVOFLEX-Spiegelkasten mit Fernobjektiv 5.6/400. Quelle: NOVOFLEX-Archiv
links unten - Kamera in Hochformatstellung am Spiegelkasten
rechts - Leica III mit NOVOFLEX-Spiegelkasten NOPRI und Einstellschnecke mit Schneider Kreuznach Xenar 4.5/135. Quelle: NOVOFLEX-Archiv/Tiroler Kordilleren Expedition 1959

Auch Objektivseitig greift Novoflex dem Anwender mit einer stattlichen Anzahl von lieferbaren Objektivköpfen und Adaptionsmöglichkeiten unter die Arme. Für Einstellungen bis unendlich, werden die Schneider Kreuznach Xenare 4.5/135 und 3.5/150 (später 4.5/150) sowie das Steinheil Culminar 4.5/135 angeboten. Diese können wahlweise am Balgen oder direkt am Spiegelkasten per separat lieferbarer "Schneckenzugfassung", sowie beim Culminar direkt an der Leica mit langer "Schneckenzugfassung" und "E-Messerabtastung", eingesetzt werden. 

Da der Novoflex Spiegelkasten dieselbe Bautiefe wie der Leitz PLOOT und der Visoflex I besitzt (62.5mm), sind auch der herausschraubbare Kopf des Leitz Hektor 4.5/135 in Verbindung mit dem kurzen Stutzen ZOOAN (dieser muss allerdings zu Novoflex eingesandt werden um den überstehenden Gewindeschutzring zu kürzen) sowie das Leitz Telyt 4.5/200 einsetzbar. 

Für Fernaufnahmen und "Aufnahmen in freier Wildbahn" ist als Spezialoptik und bis dahin längste Brennweite im Sortiment noch das Schneider Kreuznach Tele-Xenar 5.5/360 "mit doppelt graviertem Blendenring, in Spezialschneckengangfassung" erhältlich. Ab 1953 dann auch noch ein Objektivkopf welcher NOVOFLEX in den nächsten Jahrzehnten, von geringen Änderungen abgesehen, begleiten sollte - die Fernbildlinse 5.6/400. Hier noch klassisch durch das Balgengerät fokussiert und ab 1955/56 dann mit dem bekannten Schnellschußeinstellgriff ausgestattet.

1954 werden die Novoflex Spiegelkästen zum letzten Mal geringfügig modifiziert. Mit der Vorstellung der Leica M3 war eine geringfügige Anpassung des, die Mattscheibe tragenden, Tubus notwendig geworden, um eine Hochformatschwenkung auch mit dieser Kamera zu gewährleisten. Das 1mm geringere Auflagemaß dieser Kamera wird durch den Adapterring EMLEI ausgeglichen und eine kameraspezifische Auslösebrücke NOSYN ist nun lieferbar. Dies betrifft alle Kästen ab Seriennummer 5000 und mit Leicagewinde. Der Spiegelkasten wird nach dieser letzten Modifizierung, versehen mit Contaxbajonett und einer passenden Auslösebrücke TAXSYN auch für Contax IIa und IIIa angeboten. 

Die Novoflex Spiegelkästen “verschwinden” 1961 aus den Preislisten, tauchen aber 1962 noch einmal kurz, wahrscheinlich in Form eines “Abverkaufs”, auf - sie sind damals anschlußfertig mit Auslösebrücke, Prisma und senkrechter Einblicklupe lieferbar.

NOVOFLEX Spiegelkästen und Einstellschnecken mit (v.l.n.r.) Schneider Kreuznach Tele-Xenar 5.5/360, Xenar 3.5/150, Xenar 4.5/135 sowie Steinheil Culminar 4.5/135 am Reproflex

Quellennachweis


  1. ZEISS HISTORICA, Volume 25, Number 1, Spring 2003 - The transition from the Flektoskop to the Flektometer von Stefan Baumgartner, Lund, Schweden
  2. NIKON Rangefinder Camera, Robert Rotoloni, Second Edition 1983, Reprint - Hove Camera Books 1993
  3. Patent #869734, 2. Oktober 1948, NOVOFLEX-Archiv/DEPATISnet - DPMA
  4. NOVOFLEX Preisblatt 1.8.1951 - Testimonials Seiten 2-4
  5. Gebrauchsmusterschrift 1608423/NOVOFLEX-Archiv/DEPATISnet - DPMA
  6. Handelsregisterauszug Amtsgericht Memmingen/NOVOFLEX-Archiv
  7. Gebrauchsmusterschrift 1623266/NOVOFLEX-Archiv/DEPATISnet - DPMA
  8. NOVOFLEX Preisliste 1958